Auf dem Rücken der Pferde zum Lake Song-Köl / Озеро Сонг-Кель

Sonnenuntergang am Song-Köl

Hui, das ist unheimlich. Ich befinde mich für meinen Geschmack mindestens 150cm zu weit über dem Boden. Ich kann zwar nur Raten, welche „Schulterhöhe“ Taifun hat, aber es ist mir erst mal sehr seltsam zumute. Taifun ist aber nicht so stürmisch, wie es der Name suggeriert, dass sieht bei unserem  Guide und seinem jungen schwarzen Hengst schon ganz anders aus. Der ist wild und bockig und will erst noch auf Spur gebracht werden. Aber das ist für Jerlan, unseren 19 jährigen Guide kein Problem, energisch zeigt er dem Schwarzen, wer hier die Zügel in der Hand hält. Kirgisen, so sagt man, sitzen schon auf dem Pferd bevor sie laufen können.

Ich bin noch nie geritten und wer mich kennt, der weiß genau, dass ich es mit Tieren eher nicht so habe. Aber wir wollten unserer letzten Etappe auf großer Reise noch einmal eine neue Wendung geben; eben etwas machen, was für uns beide eben neu ist. So kam es, dass wir gesagt haben, dass wenn man schon nach Kirgisistan fährt, dann muss man eben auch mal in einer Yurte schlafen und auf einem Pferd reiten – und auf dieser Tour machen wir eben beides zugleich: Drei Tage und zwei Nächte von Yurte zu Yurte, hoch zu Pferd auf dem Weg zum Song-Köl Gebirgssee mitten im zentralen kirgisischen Hochland.

1. Tag auf unserem Weg zum Song-Köl

1. Tag auf unserem Weg zum Song-Köl

Wir sind von Kochkor etwa zwei Stunden Richtung Westen auf einer Schotterstraße mit dem Taxi unterwegs gewesen und mussten diesmal die ganze Fuhre zahlen, weil unser Fahrer leider niemand anderen finden konnte, damit man sich gemeinsam die Kosten teilen kann wie das hier sonst so üblich ist. Im ersten echten Ort nach einer ganzen Weile hält unser Fahrer an einem einfachen und etwas einsamen Hof. Zwanzig Minuten später sitzen wir schon auf und nach einer zwei Minuten Einweisung wie links, rechts, vorwärts und anhalten geht führen uns Jerlans jüngere Brüder schon mit den Zügeln in der Hand über die Straße zu dem Beginn unseres dreitägigen Abenteuers.

Irgendwie fühle ich mich wie kurz vor dem Beginn unserer Weltreise; da hat besonders Britta weiche Knie bekommen und mir gestanden, sie habe Angst vor ihrer eigenen Courage. Also Angst vor dem, was man zwar in Gang gesetzt – womöglich noch jedem davon mit großen Worten erzählt – nun aber unausweichlich und nicht so einfach mehr abzuwenden scheint. So ist das mit dem Pferd.

Aufstieg auf den Pass

So ganz einfach geht das hier allerdings nicht los, sondern eher gleich ohne Netz und Sicherung. Vor uns liegen zweieinhalb Tage mit Tälern und Schluchten, zwei Gebirgspässen auf über 3.500m und mehrere Bäche die Schmelzwasser führen, wollen gequert werden – auch schon gleich am ersten Tag. Aber es geht sich gut an obwohl ich finde das Britta irgendwie souveräner im Sattel sitzt als ich. Bequem machen wir die ersten Kilometer der endlos weit wirkenden Steppenlandschaft Kirgisistans durch die schon Alexander der Große und Dschingis Khan geritten sind. Erste Steilstellen sind weniger dramatisch als vermutet und auch bei den Bachquerungen zwängt sich mir ein Grinsen ins Gesicht wenn ich überlege wie lange wir sonst am Ufer auf und ab gehen um eine geeignete Stelle uns zu suchen. Dann heißt es Rucksack ab, Schuhe aus und Watschuhe an, queren, trockenen, wieder Schuhe an…. Da vergehen schnell 10 Minuten und zu Ross bedarf es nur der entschiedenen Ansage das man da durch will.

Marcus Zügel, ein wenig zu kurz. Aber ein Snack muss sein...

Marcus Zügel, ein wenig zu kurz. Aber ein Snack muss sein…

Einzig der Motivation hapert es bei Taifun; aber da ist er irgendwie wie ich. Ständig, wenn man nicht recht hinschaut, im Gang, wird hier und da ein Snack mitgenommen. Ständig was futtern beim Tagesmarsch, das könnte ich sein. Auch Brittas Pferd Gülsory steht Taifun in Gemütlichkeit und Heißhunger keines Wegs nach.

Wenn es dann aber in den zweiten Gang, also dem Trab geht, ja dann mache ich nur eine bedingt gute Figur. Die richtige Balance zu finden braucht glaube ich schon einiges an Übung, daher will ich auch erst einmal keinen Galopp erleben. Mal sehen was die kommenden zwei Tage noch so an Überraschungen bereit halten.
Nach gut fünf Stunden kommen wir an einer Yurte an, die unser Guide uns als Rastplatz schon aus einiger Entfernung ankündigt. Absitzen.
Hah, Cowboy-Gang mit O-Beinen! Etwas Knieschmerzen bei Britta, sonst alles OK. Das GPS verrät über 22km und einiges an auf und ab. Bestimmt kann man sich als Reiter auch beim Reitenauspowern, das kann bestimmt auch anstrengend sein, aber sind wir mal ganz ehrlich, wer 22km auf 3.000m im Gelände mit 26kg+ Gepäck selbst über Stock, Stein und Fluss unterwegs ist, der ist ganz andersausgepowert. Ich habe das Gefühl mir noch nicht mal das Abendessen verdient zu haben im Vergleich zuden Anstrengungen der Touren in den vergangenen Wochen. Ganz ehrlich, der erste Tag war in dieser Hinsicht eher ein Kinderspiel.

1. Yurtencamp

1. Yurtencamp

OK, ein bischen anstrengend war es wohl doch, denn am nächsten Morgen merke ich diesen und jenen Rückenmuskel – es ist halt eine ungewohnte Bewegungsart. Aber man kann es uns auch nicht so recht übel nehmen, denn Jerlan unser Guide, ist eher eine Pfeife. Er weiß zwar mit den Tieren umzugehen und kennt den Weg, kann reiten wie ne eins… Aber als Guide taugt er nix. Weder, das er recht erklärt wann man dies und jenes tun soll, noch hat er Einfühlungsvermögen für uns dir wir noch nie ne Tour zu Ross gemacht haben. Vor allem als es am zweiten Tag gleich richtig aufwärts geht. 3.500m Passhöhe gilt es zu meistern und der Pfad dahin ist steinig und steil. Das sieht aus der Sitzperspektive von so hoch oben richtig gefährlich aus. Aber wir kommen oben an und nach 30 min Pause mit Aussicht geht es dann hinab zum sich endlos erstreckenden Song-Köl.

Der See ist schnell erreicht, aber das Wetter ist unbeständig und stürmisch. Leider ist für diesen Tag irgendwie um eins nachmittags schon Schluss. Dabei ist das doch der „längere“ Tag der Tour… Wir sind ziemlich angefressen, haben wir doch für den Tag voll bezahlt. Unser Guide ist der Meinung, er könne sich ein Nickerchen gönnen, wir könnten ja die Pferde selbst ausreiten wohin wir wollen. Tolle Idee, bei uns Anfängern. Nach 20 min sind wir wieder da, denn obwohl wir alles an Kommandos ausprobiert haben, die Pferde ignorieren unsere energischen Versuche eine Richtung vorzugeben und gehen schnurstracks wieder in Richtung Yurtencamp zurück.

Sonnenuntergang am Song-Köl

Sonnenuntergang am Song-Köl

Der Himmel klart noch einmal auf und wir haben einen tollen Sonnenuntergang an diesem Flecken Erde bevor wir in einem großen Bogen am nächsten Morgen zurückkehren. Wenn es nach dem Guide ginge, dann hätten wir die sechs Stunden ohne Pause gemacht. So ein unfähiger Kerl. Nach unserer Rückkehr nach Karakol beschweren wir uns in dem lokalen Tourismus Büro, aber natürlich gibt es dafür und für den entgangenen halben Tag keine Kompensation. Schlimmer noch, man glaubt uns das natürlich nicht…. Egal.

Der See war schön, aber das mit dem reiten nicht ganz mein Ding, wenngleich so viel einfacher um über die Berge zu kommen.

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www.arcx.de

Hello, I’m Marcus Griebel–Architect and Explorer with a passion for communication design.

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