Santiago, guter Abschluss in Chile – aber mit bitterem Beigeschmack

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Was für ein Kontrast. Anflug Santiago, wir schweben bereits seit 20Minuten über endlose Siedlungen im braun-grau der Stadt. Sie ist groß. Größer, als wir uns es vorgestellt haben. In Patagonien hatte so ziemlich jedes Dorf seine Landepiste und alles war irgendwie spärlich, ja sehr spärlich besiedelt und hier braucht der Bus an die nächstgelegene Metrohaltestelle alleine 30 Minuten.
Ganz schön was los, auch im Hostal. Eigentlich ein toller alter Kasten. Ein Haus wie aus Kolonialzeiten, wo große, wohlhabende Familien mit einem Dutzend Angestellten vor hundert Jahren wohnten. Jetzt ist es rammelvoll mit israelischen Leuten Mitte zwanzig. Wahrscheinlich gerade von der Armee entlassen machen sie mit extrem lauter Musik, extrem lauten Gesprächen und extremen rumgesaue in der Küche auf sich aufmerksam. Es wirkt, als wurden sie das erste Mal für sich kochen. Alles sieht aus wie … Wenn sie erst mal fertig sind. Egal, wir haben eine gute Zeit in einem ganz netten Einzelzimmer, wenngleich der Gang auf die gemeinschaftlich genutzten Örtlichkeiten manchmal Überwindung kostet.

Wir schließen uns, wie auch schon zuvor in Valparaiso der Tour für Tips, also Stadtführung für ein Trinkgeld an und kommen auch noch an den folgenden Tagen ganz schön rum. Überhaupt sind wir beide normalerweise in größeren Städten zumeist nach zwei bis drei Tagen total angenervt. Santiago ist anders, lädt ein zum flanieren. Wir sitzen im Park, gönnen uns ein Eis aus der angeblich besten Eisdiele der Welt und schauen einfach mal den Clowns, Gauklern, Musikern und verliebten Paaren zu – eben allem was hier so in einem Stadtpark rumläuft. (Nebenbei bemerkt; Netter Versuch das mit dem besten Eis – gilt vielleicht für Südamerika… Da können wir gleich zwei Orte empfehlen, Salt and Straw in Portland und das Natales in Seeheim)

Wir verwenden einen ganzen Tag darauf durch die Märkte der Stadt zu schlendern. Interessant ist dabei, das entgegen unseren Verhältnissen in Deutschland auf den Märkten hier jeder die alltäglichen Einkäufe mach. Natürlich gibt es hier alles, das ist überall so, aber hier sind die Märkte preiswerter als der Supermarkt, zumindest was Obst, Gemüse und Fleisch betrifft. Irgendwie scheint es manchmal, das in Deutschland der Markt am Samstag nur etwas für Hardcore Ökos ist, die ausschließlich beim Bauern ums Eck kaufen wollen oder andere Gutbetuchte, die das exklusive Einkaufserlebniss Markt suchen und dafür das dreifache ausgeben wollen. Wo ist er hin, der Market der einfachen Leute, mit Gemüse vom Bauern und damit meine ich nicht die superbio Gemüsekiste im Abo für Besserverdiener zu 39,90€ die Woche. Hier ist er. Der Bauch der Stadt. Rammelvoll, jeden Tag.

Zwei Tage später erneut ein seltsamer Ort. Wir machen eine Tour zum zentralen Friedhof. Riesig ist er. 175 Fussballfelder gross, so unser Guide. Derzeit liegen hier zwei Millionen Gräber und es ist Platz für viele Generationen mehr. Hier liegt auch das Grab vom ehemaligen Staatslenker Salvador Allende, nachdem man ihm aus Valparaiso nach dem Ende der Diktatur hierher umgesetzt hatte. Diesmal mit den Würden eines Präsidenten. Im direkten Umfeld seines Grabes das eine oder andere seltsame Mausoleum. Mal um Stil eines römischen Tempels, mal aztekisch, mal modern. Wilder Mix der Stile.

Am letzten Abend vor unserer Abreise treffen wir zu einem nachweihnachtlichen Abendessen unseren Freund Ron aus Rotterdam wieder. Wir haben in Patagonien uns das eine oder andere Mal getroffen und uns für Santiago zum Essen verabredet, bevor auch er zum Neujahr wieder zurück fliegt.
Ein toller Abend im „El Hoyo“, mit Pisco, Scheinshaxen und Terremoto. Nur einen Beigeschmack hat die Sache; auf dem Weg zu Restaurant wird mir mein Notizbuch aus der Jacke geklaut. Ein halbes Jahr der Erinnerungen, Erlebnisse, Eindrücke. Wer klaut so was? Wer braucht so was? Wir suchen 4Std lang den Weg ab, nichts. Es wird neue Erinnerungen geben. Es wird ein neues Notizbuch geben. Dennoch, bitterer Nachgeschmack.
So verlassen wir, Santiago, Chile und damit Amerika und mit dem dauerhaften Ohrwurm, den uns seit Beginn unserer Reise in Südamerika stets begleitet hat.

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo,

    das mit der Marktstrategie ausserhalb von good old germany ist wirklich so. Kein Wunder das sie aussterben. ICh glaube wir hätten Tage auf Märkten zum schnüffeln, staunen und probieren verbracht. ICh hoffe Naschen war auch für Euch erlaubt.
    Ansonsten Daumen hoch für das wohl geilste Bilde, wie ich finde. Die Männer beim Schach! Einmalig so eine Szene, zwei spielen und faszinieren alle umherstehenden. Ich liebe Städter die sich ihrem Alltag hingeben und sich nicht stören lassen

    Alles gute für die weitere Tour

    Dietmar

    • Santiago hat uns beide mehr fasziniert als gedacht. Da hätten wir gerne noch länger überall rumgeschnüffelt. Wäre der Flug nicht schon gebucht gewesen, hätten wir dort glatt hängen bleiben können.

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