„Baby, zieh Dir die Gamaschen an – Wir machen den Sierra Valdivieso Circuit“

Erstes Camp

Das volle Programm: Wildnisstrek in Feuerland; Das ist eine Premiere bei uns, denn das gab es so in der Form bei uns noch nie. Für die, die es nicht wissen: Wildnisstrek – „bushwhacking “ oder „off-trail hiking“ also kein Weg, nur ein paar Punkte auf einer Karte und die Gewissheit das es anstrengend wird.
Das stimmt in unserem Falle fast, denn wir haben einige GPS Punkte und eine grobe Routenbeschreibung aus einem Buch und das Internet berichtet tatsächlich von Menschen, die dies auch gemacht haben und es wieder zurück in die Zivilisation geschafft haben.
Wir haben uns vor Ort in Ushuaia dazu entschlossen unseren Abschluss und die Krönung des Amerikateils unserer Reise hier in Argentinien zu machen und nicht in Chile. Eigentlich sollten es die „Dientes de Navarino“ werden, doch alleine das Übersetzen über den Beagle Kanal kostet erheblich mehr als wir ausgeben wollen und wir würden für die Rückreise nach Punta Arenas unter Zeitdruck geraten. Egal, so wird es eben eine Wildnisstour durch den Tierra del Fuego Nationalpark.

Trailhead auf der Routa 3

Trailhead auf der Routa 3

Der Trailhead liegt zirka 10km außerhalb der Stadtgrenze, aber Ushuaia hat keinen sinnvoll nutzbaren ÖPNV über die Stadtgrenze hinaus. Noch nicht mal das Tourismus-Infobüro kann uns verlässlich Auskunft zum Verlauf der Routen innerhalb der Stadt geben. Die Minitaxis – „Collectivos“ – würden uns fahren, aber nur zum „Abzocktarif“ für den Nationalpark. Für unsere Strecke wären das astronomische 30€ für 16km… Also gehen wir an den Stadtrand und versuchen unser Glück per Anhalter.
Gegen Mittag hat es dann geklappt – ein spanisches Paar auf Urlaub setzt uns mitten an einer Unterquerung für eine Gaspipeline an der Landstraße ab, unser Einstiegspunkt.
Die Route ist in unserem Trekking Guide grob beschrieben, wir haben Karte und Kompass und los gehts.
Die Realität von Schlamm, Matsch, Flussquerungen, widrigster subarktischer Vegetation und uneinsehbarem Gelände holt uns aber schnell ein. Wenigstens das Wetter hält. Die Vorhersage hat uns ein Zeitfenster von vier Tagen beständigem Wetter vorhergesagt. Die Tour wird mindestens fünf Tage dauern.
Irgendwo im nirgendwo gibt es dann ein Refugio, eine Hütte im Wald, an einer Lichtung mit tollen Ausblick. Man kann sich in einem Buch eintragen – einen Tag zuvor erst hat es sich jemand eingetragen. Ob wir also doch auf jemanden treffen? Zumindest ist es hier so schön, dass wir scherzen, ob wir nicht einfach hier für vier Tage bleiben wollen. Aber keiner will zugeben, dass er nur faul ist und so heißt es einvernehmlich „klar gehen wir weiter, wir sind doch nicht zum faulenzen gekommen“.

Argentinische Kartenqualitäten nach 3x Auffalten

Argentinische Kartenqualitäten nach 3x Auffalten

Am zweiten Tag müssen wir das erste Mal einen unmarkierten Pass gehen. Steilstes Gelände, Geröllhänge, Schneefelder und 20kg Gepäck gilt es zu meistern ohne zu wissen ob man gerade den richtigen Weg geht. Unseren Pfad dadurch haben wir von unten einigermaßen vorbesprochen, unsere Position mit Karte und Kompass bestimmt und die Richtung anvisiert. Soweit so gut. Leider ist die Karte wieder mal Mist. Diesmal nicht, weil sie so ungenau ist wie in Chile, sondern weil sie bereits nach 2x aus dem Rucksack holen auseinanderfällt. Reiß- und wetterfeste Outdoorkarten sind doch kein Hexenwerk, vor allem nicht wenn dafür 9€ verlangt werden.
Erster Pass, zweiter Pass, steile Abhänge viel Matsch und immer wieder größere Umwege wegen Bieberaktivität. Überhaubt, diese Tiere sind hier ja als Plage bekannt. Ganze Landstriche werden verändert und es ist geradezu unglaublich welche Bauwerke diese Bieber hinbekommen. Gesehen haben wir nur einen, aber der war selbst weitaus größer als ich gedacht hätte. Ich habe sogar gelesen, dass es der Bieber hier im Süden hier und dort auf die Speisekarte schafft. Wenn ich ein Lokal finde, dass den fiesen Nager serviert, dann räche ich mich für die vielen Umwege und Matschlöcher…

Aaaanstrengender, 2. Tag

Aaaanstrengender, 2. Tag

Am Ende des zweiten Tages kommen wir das erste Mal an die Grenzen unserer Kondition und unseren Willen dies hier durchzuziehen. Endlos steile Aufgänge, kein machbarer Weg in Sicht, nur undurchdringlicher, störrischer Wald oder in anderen Teilen die Überreste von Waldbränden. Nach 11Std ackern errichten wir unser Camp – weit gekommen sind wir nicht. Aber wir machen weiter und überschreiten am Folgetag den höchsten Punkt der Tour am Paso Marripossa. Jetzt gibt es kein Zurück, nur nach vorne. Point-of-no-return.

Der vierte Tag ist sicherlich dann der Härteste. Kein Highlights mehr, sondern der Beginn von ca 18km Rückweg zur Landstraße nach Ushuaia in einem eigentlich idyllischen Tal. Leider hält das Wetter nicht mehr so ganz und wir bekommen doch noch etwas Regen. Die Staunässe sorgt dafur, dass das Tal in ein einziges Meer von Moss, Seitenarmen des Flusses und Bieberdämmen ist. Unsere Schuhe sind schon seit Tag zwei -, Goretex hin oder her – vollständig innen wie außen dauernass. Beim jedem Schritt im roten Moos sinkt man zirka 20cm ein, das zehrt ungemein an den Kraftreserven, aber die Alternativen sind nicht besser. Wadenhoher Schlamm, undurchdringlicher Wald oder die weichen Überflutungsbereiche der hyperaktiven Bieber! Wir machen so in etwa 0,8 – 1,2km/h. Mehr ist nicht drin…

Ich hinterlasse meinen Fußabdruck im weichen Moos - bei jedem Schritt sinkt man 20cm ein, das kostet Kraft

Ich hinterlasse meinen Fußabdruck im weichen Moos – bei jedem Schritt sinkt man 20cm ein, das kostet Kraft

Dabei haben wir noch die Querung des Rio Olivia vor uns. Die Tourenbeschreibung markiert einen GPS Punkt, an dem dies angeblich einigermaßen machbar sein soll. „Normalerweise knietief“ lesen wir in unserer Tourenbeschreibung. Aber die Realität der Kombination aus Frühsommer und Niederschlägen sieht wohl anders aus. So vom Ufer schätzen wir die Situation eher Hüft- bis Brusthoch ein. Aber da eröffnet sich eine Alternative: ein großer Baum ist quer über den Fluss gefallen und ermöglicht uns die trockene Querung der 20m. Doch bevor ich drüber geh frage ich Britta noch: „Falls ich reinfalle, schwimm ich dann zurück, oder auf die andere Seite?“. Wir kommen trocken rüber, aber es rächt sich, dass wir noch zu weit Flussaufwärts sind. Der Preis dafür: Stundenlang durch dichten Wald in schwierigster Hanglage.

Geschafft; Anzeichen von Zivilisation

Geschafft; Anzeichen von Zivilisation

Endlos plagen wir uns, steigen immer wieder auf und ab um einen Weg zu finden. Waren wir doch nur in dem Refugio am ersten Tag geblieben. Dann, endlich bessere Möglichkeiten durch Kuhpfade. Es fühlt sich an wie auf der Autobahn, dass wir uns endlich ohne ständig nach einem machbaren Weg Ausschau zu halten mal etwas zügiger Bewegen können und tatsächlich noch etwas Strecke machen. Letztes Camp, alles nass, total erschöpft.
Nun sind es nur noch wenige Kilometer bis an die Landstraße. Daumen raus, es klappt auf Anhieb. Um 11:00h stehen wir unter der Dusche. Fertig.

Feuerland hat uns nicht enttäuscht – wir wollten das raue Ende der Welt und haben es bekommen, denn wir waren noch nie so fertig, noch nie so dreckig, nur nasser waren wir schon mal. Danke, aber kein Nachschlag heute. Nur von der Bolognese mit frischer Pasta die wir uns als Belohnung gönnen. Nachschlag und noch mal Nachschlag bitte.

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Hello, I’m Marcus Griebel–Architect and Explorer with a passion for communication design.


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